Physiker als IT-Manager in der Industrie

Von Matthias Heel, ehemaliger Physik-Doktorand

Die Bitte meines ehemaligen Fachbereichs, über meinen Werdegang als Physiker im IT-Management einer großen Firma zu schreiben, hat mich nicht wenig überrascht:  Spontan fragte ich mich: Wer soll sich denn bitteschön für die Laufbahn eines Physikers interessieren, der seinem Fach untreu geworden ist und sich dann auch noch während seiner ganzen industriellen Laufbahn immer mal wieder mit etwas Wehmut an die Zeiten zurück erinnert, als er noch in der Physik mitten drin steckte. Ist das für junge Leute,  die mit dem Gedanken spielen, Physik zu studieren, nicht eher demotivierend?

Aber schnell wurde mir klar, dass meine Botschaft ja ganz anders lautet: Wer mit Spaß und Engagement Physik studiert, braucht sich um seine berufliche Zukunft keine  Sorgen zu machen! Natürlich erfüllt sich der Traum von der lebenslangen Karriere an der Front der Forschung nur für wenige. Wir anderen verdienen unser Brot früher oder später in mehr oder weniger fachfremden Bereichen. Aber gerade dabei beweist sich dann, dass das Physikstudium weit mehr beinhaltet als nur die Vermittlung von Fachkenntnissen. Die Fähigkeit zur systematischen und konsequenten Lösung von Problemen spielt dabei wohl die wichtigste Rolle. Aber auch „soft skills“ wie Teamfähigkeit  und Offenheit für innovative Ideen werden – fast nebenbei – trainiert.

Ich selbst bin schon ziemlich bald nach meiner Promotion aus der Physik ausgestiegen und habe den Weg in die pharmazeutische Industrie gefunden. Dieser Schritt wurde mir erleichtert durch die Zusage, dass ich für die von mir erwartete Arbeit mit modernster Technik und ausreichender Rechnerkapazität ausgestattet werde. Zunächst ging es  darum, Software-Werkzeuge zur Automatisierung vonAbläufen in den Forschungslabors des Betriebs zu entwickeln – eine Aufgabenstellung, in die ich meine im Rahmen  eines Promotionsprojektes erworbenen Fertigkeiten im Umgang mit Computern einbringen konnte. Es war die Ära, in der Rechner noch sehr individuell programmiert  wurden: Jeder, der in der Laborarbeit etwas auf sich hielt, schrieb seine Programme persönlich und sorgte sich dabei auch um „Nebendinge“ – z. B. dass das Betriebssystem den Lesekopf im optimalen Festplattensegment parkte. Es war eine Frage der Ehre, „seine“ Fouriertransformation von EEG-Potentialableitungen selbst zu programmieren und dafür FORTRAN oder gar Assembler einzusetzen. Bei den damals üblichen 8 Bit- (und auch den damals schon im High-End-Bereich angesiedelten 16 Bit-) Rechnern  musste man bei derartigen Programmen sorgfältig die endliche Rechengenauigkeit berücksichtigen – und das war natürlich jedem Physiker bestens vertraut. Man war also der  Physik, aber noch nicht ganz ihren Methoden entfremdet.

Die Welt der Informatik hat sich seither in rasantem Tempo entwickelt. Die relationalen Datenbanken haben endgültig ihren Siegeszug durch alle Bereiche der  Datenverarbeitung erlebt, die Rechner bieten für jeden industriellen Bedarf ausreichend Leistung, so dass man sie nach Bedarf „von der Stange“ kaufen kann und die  internationale Infrastruktur, allem voran die WEB-Technologie, ist heute die Grundlage allen Informationsmanagements. Da stellt sich mit Recht die Frage, zu welchem  Zeitpunkt der Entwicklung der Physiker zum IT-Manager wurde.

War es damals, als er immerhin noch persönlich Informationstechnologie eingekauft, implementiert, entwickelt, gewartet und verschrottet hat? Oder ist er es heute, wo die Satenbank aus der LAN-Dose selbstverständlich ist, ein WEB-Service mal rasch in eine Systemlandschaft integriert wird und mal auf die Schnelle ein Portal zusammengestellt wird zu Themen, die jeder schon mal wissen wollte aber dennoch nie verstanden hat? Oder anders gefragt: Hat die rasante Entwicklung der Informationstechnologie den  Physiker in diesem Bereich überflüssig gemacht oder gibt es weiterhin Aufgabenstellungen, in die er seine Kompetenzen einbringen kann?

Ich meine ja, denn gerade Physiker waren ja die „Motoren“ für viel Veränderung in der Informationstechnologie. Physiker haben neue Methoden und Konzepte (z. B. das  WWW) schon entwickelt, erprobt und genutzt, lange bevor man an eine kommerzielle Nutzung dachte. Daher tut sich der Physiker auch leicht mit einer sich in schnellem  Wandel befindenden Dienstleistung „Informationsmanagement“. Er ist es, der aufgrund seiner Ausbildung den Bogen vom Signal über die Information bis hin zur Auswertung spannen kann.

Im Zeitalter explosionsartig wachsenderInformationsmengen werden die Herausforderungen des IT-Managers nicht mehr alleine in der Festlegung sinnvoller  Systemumgebungen liegen. Die Evolution des heutigen IT-Managers wird in einer neuen Art der Dienstleistung münden, in der diese ihren Anwendern hilft, aus einem Dschungel von Informationen die für eine Fragestellung wahrscheinlich treffendsten Antworten zu finden. Gerade in Anbetracht der an Komplexität wachsenden System- und Informationswelten wird der Physiker meiner Meinung nach die besten Voraussetzungen mitbringen, verständliche Modelle des Wissensmanagements zu entwickeln. Ob man ihn in 10 Jahren dann noch IT-Manager nennen wird, steht auf einem anderen Blatt.

Mein Fazit: Wem Physik Spaß macht, dem kann ich auch heute noch dieses Studium uneingeschränkt empfehlen – an reizvollen beruflichen Herausforderungen wird es auch  künftig nicht mangeln. Eigentlich eine schöne Perspektive, wenn man die wirtschaftlichen und die intellektuellen Interessen weitgehend unter einen Hut bekommt. Und wenn man dann och das Glück hat, dass einem der Arbeitgeber im Zeitschriftenumlauf der Firma auch leichtere Kost wie z. B. ‚Physik in unserer Zeit’ auf dem Schreibtisch  serviert, dann kann man dabei sogar noch ein wenig Kontakt zur aktuellen Forschung behalten.

März 2005