Ein Physiker als Global Player

Von Hagen Hultzsch, ehemaliger Physik-Doktorand

1965 beendete ich mein Physikstudium an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz mit dem Diplom. An die folgende Promotion und Postdoc-Zeit schlossen sich einige Jahre als wissenschaftlicher Assistent und Assistenzprofessor an. Dann  verließ ich die Alma mater. Heute, knapp 40 Jahre später, habe ich mein in festen Stellungen gebundenes Berufsleben, zuletzt im Vorstand der Telekom, hinter mir. Organisiert als Einmannbetrieb bringe ich nun meine Erfahrungen in etwa 25 Kuratorien – Aufsichtsräte und Beiräte auf nationaler und internationaler Ebene – ein, und zwar nicht nur bei Industriebetrieben, sondern auch bei wissenschaftlichen Institutionen, Kliniken und anderen Organisationen. Dies ist sicher so dem Absolventen eines Physikstudiums nicht ins Stammbuch geschrieben, aber wesensfremd ist es ihm doch auch nicht.

So sehe ich im Rückblick einen geradlinigen Zusammenhang zwischen der Ausbildung, die ich mit dem Physikstudium genossen habe, und der Bewältigung der  verschiedensten Aufgaben in meiner beruflichen und jetzigen beratenden Tätigkeit, Aufgaben, die von Detailarbeit an technischen Umsetzungen bis zur Führung von tausenden  von Mitarbeitern und zur Verantwortung von Milliardensummen für zukunftsorientierte Investitionen reichten. Da ist es gut, als Physiker ein Verhältnis zu Größenordnungen gewonnen und sich im Skalieren von Modellen geübt zu haben.

Die Basis für ein erfolgreiches Wirken wird durch eine gründliche Schulung in einem wissenschaftlich anspruchsvollen Studium wie dem der Physik gelegt. Auch wenn Quantenmechanik, Relativitätstheorie und Kernphysik in meiner späteren Tätigkeit an keiner Stelle konkret von Bedeutung waren, bedeutete doch die intensive Beschäftigung mit diesen Feldern ein unschätzbares Geistestraining. Dieses Training wurde in hervorragender Weise ergänzt durch die Diplomarbeit, insbesondere im experimentellen Bereich, bei der der Bezug des erworbenen theoretischen Wissens zur praktischen Umsetzung hergestellt wurde. Dieser Prozess fand seinen Abschluss in der Anfertigung der Doktorarbeit auf dem Gebiet der Kernphysik, bei der ich gleichzeitig das Maß an Freiheiten erfuhr, dessen es zur vollen Entfaltung der Fähigkeiten und damit zur Erzielung optimaler Ergebnisse bedarf. Hier lernte ich den sachgerechten und verantwortlichen Umgang mit umfangreichen apparativen, finanziellen und personellen Ressourcen und das arbeitsteilige Zusammenwirken in einer großen Arbeitsgruppe (ohne dass damals dafür extra vom Erwerb von Schlüsselqualifikationen die Rede gewesen wäre). Mit der Durchführung eines komplexen Experiments oder eines großen theoretischen Vorhabens trainiert man de facto die Führung eines Unternehmens.

Mit meiner Doktorarbeit schlug ich den Weg in die Informationstechnologie ein. Die Experimente in der Kernphysik hatten eine Komplexität erreicht, die nur noch mit Hilfe von Rechenmaschinen zu bewältigen waren. Gleichwohl war deren Einsatz in der Experimentsteuerung und Datenerfassung damals noch absolutes Neuland, und die Realisierung erforderte hunderte – tausende! – Stunden Programmierarbeit, meist noch in Maschinencode. So lernte ich das Metier der Informationstechnologie von der Pike auf, das meiste durch „learning by doing“. Als Postdoc setzte ich den beschrittenen Weg konsequent mit einem Forschungsaufenthalt im Forschungszentrum von IBM fort.

Der Schritt aus dem Bereich des Nutzers der neuen Technologie hin in den Bereich des Managements war ein zunächst zögerlich, dann aber sehr bewusst vollzogener: Leiter des Rechenzentrums der GSI, Direktor Technische Dienste EDS Deutschland, Bereichsleiter Führungsorganisation und Informationssysteme Volkswagen und schließlich Vorstand Technik Dienste Deutsche Telekom. Diese berufliche Entwicklung war mit einer ständigen Ausweitung der Verantwortlichkeiten verbunden: Für immer  umfangreichere Ressourcen, für immer mehr Mitarbeiter, für das Beschreiten neuer Wege, das schließlich die Umsetzung meiner Visionen hin zur informationstechnologischen Durchdringung der Gesellschaft ermöglichte. Diesen Weg bin ich gegangen, bis ich sagen konnte „the job is done“.

Jetzt stelle ich meine Erfahrungen gerne weiter zur Verfügung, dabei insbesondere auch für Universitäten, deren Funktionieren mir in besonderer Weise am Herzen liegt, da mir bewusst ist, wie viel ich selbst meiner akademischen Ausbildung verdanke. Dabei mache ich nie ein Hehl daraus, dass meine Wurzeln in der Physik liegen und dass ich dieses Studium für ganz besonders geeignet halte, eine tragfähige Basis für eine Jahrzehnte währende Berufstätigkeit zu legen, von der heute weniger denn je gesagt werden  kann, vor welche Probleme sie einen eines Tages stellt.

Mit Genugtuung habe ich die Entwicklung des Fachbereichs Physik der Johannes Gutenberg-Universität hin zu einem der angesehensten Fachbereiche in Deutschland und  einem mit großer internationaler Ausstrahlung verfolgt. Diese Entwicklung war bei der Neugründung der Universität nach dem Krieg keineswegs absehbar. Mein  akademischer Lehrer Hans Ehrenberg gehörte zu den ersten, die die Entwicklung auf internationale Standards ausrichteten; und ich habe mir sein Motto zu Eigen gemacht: „Man macht eine Sache richtig – oder man fängt sie gar nicht erst an.“

März 2005