Von Mainz nach Genf

oder: Wie wird man Leiter einer internationalen Forschungsgruppe am CERN?

Von Rolf Landua, ehemaliger Physik-Doktorand

Folgende „Zutaten“ erwiesen sich dabei als hilfreich: a) Geduld, b) Enthusiasmus für Teilchenphysik, c) gut sprechen English, d) un peu de Français, e) freundlicher Umgang mit Ausländern (man ist schließlich selbst einer, idem die Kollegen und Vorgesetzten!); f) in den Vorlesungen immer schön aufpassen!

Zur Chronologie: als ich damals die Physik-I-Vorlesung in Mainz besuchte, war mir noch nicht klar, wo ich später enden würde. Die ersten Weichen wurden gestellt, als ich im Anschluss an das Vordiplom nach Möglichkeiten für Praktika suchte – an der Uni oder auch in der Ferne. Etwa zu dieser Zeit hörte ich dann einen Vortrag des damaligen  CERN-Direktors (Leo van Hove). Zwei Aspekte dieses Vortrags beeindruckten mich tief (in dieser Reihenfolge): die Luftaufnahme des CERN (mit Alpen, Genfer See, Altstadt) und die Revolution in der Teilchenphysik (Charm, Standardmodell, etc.).

Mein Einstieg beim CERN geschah dann während eines vom Mainzer Physikinstitut finanzierten zweimonatigen Praktikums am CERN. Dabei war nicht nur die Mitarbeit an einem Antiprotonen-Experiment sehr interessant – der Sommer war in diesem Jahr einfach super! Ich kam in engen Kontakt mit Antimaterie und lernte viel über  Teilchenphysik aber auch über europäische Physik-Soziologie.

Anschließend war ich CERN-süchtig und habe mich konsequenterweise nach meiner Diplomarbeit einer Arbeitsgruppe angeschlossen, die gerade ein Experiment am ‚Low Energy Antiproton Ring’ (LEAR) des CERN vorbereitete. Ich konnte so als Mitglied des Mainzer Teams für einige Jahre in internationalen Kollaborationen am CERN arbeiten, erst als Doktorand und später als Postdoc. Dieses Engagement war ein gutes ‚Sprungbrett’, um Kontakte knüpfen und einen Überblick über die aktuelle Forschungslandschaft zu bekommen.

Der Rest ist schnell erzählt: ich bewarb mich mit Erfolg auf ein CERN-Fellowship und konnte in diesem Rahmen weiter am gleichen Experiment arbeiten. Anschließend hatte ich dann das Glück, auf eine (zeitlich befristete) CERN-Stelle als ‚Research Physicist’ eingestellt zu werden. Und drei Jahre später, nach einem umständlichen Auswahlverfahren, wurde daraus dann eine feste Anstellung.

Ich habe nie bereut, am CERN „hängen geblieben“ zu sein: Die Nachbarschaft zu den aktuellsten Entwicklungen und größten Experimenten in der Teilchenphysik ist faszinierend. Als Gruppenleiter einer (kleinen) Forschungsgruppe, die sich um die Synthese von Antiwasserstoffatomen und deren spektroskopische Untersuchung kümmert, habe ich eine gewisse Freiheit, die mit der an Universitäten vergleichbar ist. Das wissenschaftliche Leben ist ansonsten eher bestimmt durch die Dynamik riesiger, weltumspannender Kollaborationen von 2.000 oder mehr an einem Projekt arbeitenden Physikern – ein faszinierender Modellversuch, in dem „Globalisierung“ schon Realität ist und der weit über die ursprüngliche – europäische – Konzeption des CERN hinausreicht.

Sollte sich Ihnen also auch einmal die Möglichkeit bieten, am CERN oder einer anderen internationalen Forschungsanlage zu arbeiten, dann rate ich Ihnen, diese Möglichkeit auf jeden Fall wahrzunehmen: Auch wenn Sie dort nicht eine der (relativ wenigen) festen Stellen „erobern“, so werden Sie doch auf jeden Fall Erfahrungen gewinnen, die  anderswo kaum möglich sind.

März 2005