Führungskraft in der Großindustrie

Von Jürgen Streib, ehemaliger Physik-Doktorand

Auch aus meiner heutigen Sicht einer „oberen Führungskraft" des weltgrößten Chemieunternehmens und in einer Zeit, in der die Bio- und Nanotechnologien die Physik als  Leitwissenschaft scheinbar endgültig abgelöst haben, würde ich immer wieder Physik studieren. Dieses Studium verschaffte mir fachliche Grundlagen, Arbeitstechniken sowie  Kommunikations- und Teamfähigkeiten, die meinen ganzen beruflichen Werdegang beeinflussten und hilfreich unterstützten. Es war eine bewegte und glückliche Zeit, in der die Physik zwar im Mittelpunkt stand, aber doch Raum blieb, über den „Tellerrand“ zu schauen. Solch eine Zeit kommt im späteren Berufs- und Privatleben nicht wieder!

So verlief meine berufliche Entwicklung:

Schon im Hauptstudium setzte ich Schwerpunkte in Atom-, Kern- und Laserphysik; in dieser Zeit sammelte ich auch schon die ersten beruflichen Erfahrungen – zunächst als  Hilfsassistent und dann (während des Promotionsstudiums) als wissenschaftlicher Angestellter an der Uni. Mein Engagement in der studentischen Selbstverwaltung lieferte sicher einige zusätzliche Bausteine zur Entwicklung einer „Sozialkompetenz“.

Die Messungen für meine Doktorarbeit „Laserspektroskopie an neutronenarmen Goldisotopen“ führte ich am CERN in Genf durch. Diese Zeit in der Schweiz, die  Weltoffenheit der Mainzer Arbeitsgruppe „EXAKT“ und das internationale wissenschaftliche Netzwerk unserer Professoren halfen, „Kulturtechniken“ zu entwickeln, wie sie heute für die Arbeit in einem global aktiven Konzern unverzichtbar sind. Der verhandlungssichere Einsatz der englischen Sprache und das Verständnis und die Akzeptanz  anderer (Denk-)Kulturen sind dabei selbstverständlich.

Für meine erste Anstellung allerdings waren lediglich die fachlichen Kenntnisse und Erfahrungen ausschlaggebend, die ich während der Diplom- und Doktorarbeitsphase erwerben konnte: Drei Jahre arbeitete ich im GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht bei Hamburg und beschäftigte mich dort mit der Entwicklung von Messsystemen zur  Bestimmung von Temperaturprofilen und dem Aufbau von Systemen zur orts- und zeitaufgelösten Konzentrationsbestimmung von Spurengasen in der unteren Atmosphäre. Neben der rein physikalisch-technischen Machbarkeit rückten hier plötzlich auch betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte wie Kundenanforderungen und Kosten ins Blickfeld. Vom ersten Tag meines Berufslebens an hatte ich auch Personalverantwortung: Die Bildung und Führung kompetenter Teams ist die Voraussetzung für die erfolgreiche Abwicklung von Projekten.

Die Einstellung in die BASF AG war dann wesentlich durch die vorhergehende fachliche Erfahrung begründet. Der Aufbau eines Laserspektroskopielabors (Lichtstreuung an  dispersen Systemen zur Bestimmung von Molekulargewichts- bzw. Teilchengrößenverteilungen) und die Durchführung und Auswertung von gekauften Strahlzeiten am  Neutronenhochflussreaktor in Grenoble (Streuung an deuterierten Polymerstrukturen) machten die Makromoleküle einige Zeit zum Mittelpunkt meines beruflichen Interesses; sie waren mein Forschungsobjekt während meiner Zeit als Laborleiter in der zentralen Forschung.

Später – als Gruppenleiter in der „Anwendungstechnik“ – waren sie Basismaterial für die Entwicklung technischer Membranen und technischer Thermoplaste. Während dieser Tätigkeit unterstützte ich unser Marketing und unseren Vertrieb und hatte dadurch intensiven Kontakt zu industriellen Kunden, mit denen ich zum Beispiel neue Handygehäuse oder Tintenpatronen für Drucker entwickelte.

Für die BASF waren danach diese operativen Erfahrungen, gepaart mit dem strukturierten Denken eines Physikers Grund genug, mich als Referent in die Strategische Planung – und damit in eine Konzern-Steuerfunktion – zu versetzen. Die Strategische Planung hat die Aufgabe, die Strategien der einzelnen Business-Units mit den Zielsetzungen des Gesamtkonzerns zu koordinieren. Als Referent für die Kunststoffbereiche habe ich viele Maßnahmen zur Gestaltung des Segments „Kunststoffe und  Fasern“ begleitet.

Heute leite ich im Stab des Konzerns eine Einheit, die alle Aktivitäten der BASF-Gruppe im Bereich „mergers and acquisitions“ weltweit strategisch und projektbezogen koordiniert. Konkret heißt dies, dass meine Mitarbeiter zusammen mit den operativ Verantwortlichen und Kollegen aus den Bereichen Corporate Finance und Corporate Legal Firmen oder Teile von Firmen kaufen oder verkaufen.

Meine heutige Tätigkeit hat fachlich nichts mehr mit Physik zu tun. Trotzdem ist mein tägliches Handeln wesentlich durch Fähigkeiten geprägt, die ich durch die Beschäftigung  mit der Physik gelernt habe: vernetztes Denken, Kommunikationsfähigkeit und Teamkompetenz. Nicht Toughness oder Smartness führen zum Erfolg, sondern Sach- und Wertorientierung.

März 2005